Liebe und Mann und Frau

Folgende Reflektion von Jens Tuengerthal ist eine wunderbare Grundlage, ein paar Dinge aufzuschreiben, die mir seit längerem durch Kopf, Herz und Seele gehen…

(Hier nachzulesen, ungestört durch meine Einwürfe: Geschlechterliebe)

Geschlechterliebe

Männer suchen den schnellen Spaß
Möglichst ohne Folgen und viele Worte
Frauen wollen Liebe wenn sie dafür
Sex geben und lang darüber reden

So sagen es gewöhnliche Vorurteile
Die wir uns verschieden erfolgreich
In liebender Praxis zu belegen suchen
Die Bestätigung dessen ist stets Thema

Bin ein Mann aber die schnelle Lust
Finde ich schon lange eher langweilig
Ein bloßer Fick ist nicht was ich suche
Sondern hänge immer Gefühl daran

Sex ohne Liebe und was dazu gehört
Langweilt mich als bloßer Sport wenn
Es nicht mehr geht möchte ich darüber
Reden um zu verstehen warum

Ich treffe ausschließlich auf Männer, denen es genauso geht, wie Dir, Jens. Männer, die sich meine Begleitung aussuchen | die Spielart BDSM jetzt mal ausgenommen, hier gelten häufig nochmal ein wenig andere Regeln |, sind nicht auf eine schnelle Nummer aus. Sie müssen keinen „Druck loswerden“ zumindest keinen physischen. Sie suchen sinnliche Erotik. Ganz häufig ist es so, dass sie bei mir mehr entdecken, als das. Nämlich eine zutiefst liebevolle Berührung, die über den Körper die Seele erreicht. Von Mensch zu Mensch. Mein Gegenüber ist mir als Wesen wichtig. Sex macht mir unglaublich viel Spaß, und so nutze ich ihn einfach gern dazu, meinem Gegenüber zu zeigen, dass er mir als Mensch auf seine ganz eigene Weise wesentlich ist.

Das als „Liebe“ zu bezeichnen, wie sie landläufig verstanden wird, wäre falsch. Was ich tue, ist Agape in Eros gehüllt zu „verschenken“. Natürlich verschenke ich nicht, denn ich erhalte eine Gegenleistung. In Form von Geld. Für mich ist diese Gegenleistung ganz zentral. Denn sie hilft mir, mich abzugrenzen. Bei mir zu bleiben…

Männer reden nicht soviel über Sex
Wenn nur in langweiliger Manier die
Eher dem Quartettspiel der Jugend
Gleicht als über das Gefühl zu reden

Frauen funktionieren heute immer mehr
Wie Männern es meist nachgesagt wird
Genießen den Sex und bleiben danach
Lieber unverbindlich um abzuwarten

Ja. Das tun Frauen und sie tun fast gut daran. Fast, weil es nur der Ausschlag des Pendels in die andere Richtung ist. Es ist eine Bewegung, die gut und notwendig ist, aber sie führt in das, was Du so schön beschreibst. In einen Rollentausch. Für „uns“ Frauen, die durch Genetik und soziale Prägung in der Regel, in der Norm, stärker darauf gerichtet sind, nach Nähe zu suchen, ist es eine wertvolle Erfahrung, uns auf zu machen, in die Unabhängigkeit. Sie auch zu erleben. So wie Mann nun umgekehrt die Sehnsucht nach Nähe spüren „darf“.

Was geschieht, ist aber in Wahrheit, dass die Balance des Systems aufrecht erhalten wird. Einer sucht die Nähe, der andere flieht aus der Nähe. Dieses System nutzt beiden Seiten in diesem Spiel. Denn es ermöglicht eine Art Sicherheit. Die Sicherheit davor, von der Macht, die wir so gerne Liebe nennen, verbrannt zu werden. Diese Sicherheit ist nicht zu umgehen. Denn wir würden wahrhaftig verbrennen. Oder uns auflösen in einer Symbiose, die keinem von beiden nutzt.

Wenn ich mit einer Frau schlafe will ich
Ankommen und nicht nur wilden Sex
Ist mir das beieinander schlafen noch
Wichtiger als der gerade Fick

Es gibt mehr Männer die diesen eher
Romantischen Traum von der Liebe
Auch wenn es erstmal nur um Sex ging
Wohl teilen und so tauschten wir Rollen

Frau genießt die Freiheit und lässt sich
Verwöhnen gibt nach Lust und Laune
Bleibt um so unverbindlicher desto
Romantischer der Mann anhänglich

Umgekehrt ist Mann auch lieber noch
Flüchtig wo eifersüchtige Frau ihn
Bewacht wie ihn für sich nur will
Was für eine schlichte Dialektik spricht

Die Eigenschaften sind eben nicht an das
Je Geschlecht gebunden sondern laufen
Quasi automatisch in Rollen nur ab
Sie gelassen laufen zu lassen hilft

Hilft theoretisch zumindest die immer
Rollen und Muster einfach zu überwindern
Fraglich was von uns jenseits dieser bleibt
Ob wir überhaupt frei sind in der Liebe

Meine These ist, wir sind zu unklar, darin, was Liebe denn nun wirklich ist und sein soll.
Die Liebe wird romantisiert, auf einen Sockel gehoben, wie eine Himmelsmacht betrachtet, der wir hilflos ausgeliefert sind.

Ja, in all dem steckt, wie immer, ein wahrer Kern. Aber wir haben trotzdem Macht. Wir selbst sind diejenigen, die die Liebe erzeugen, die sie empfinden und mit ihr spielen.

Die Sehnsucht, die wir empfinden, wenn wir mit dem Feuer der Liebe spielen, weil uns ein Gegenüber so tief berührt, dass es uns aus unserem so lange eingeübten Panzer wirft, den wir Charakter oder Persönlichkeit nennen, ist die Sehnsucht nach einer einzigen Empfindung:

Absolute Geborgenheit
Absolut. Heißt unzerstörbar, bedingungslos, ewig.

Das ist es, worum es eigentlich geht, auch und vorallem in der Liebe.

Nun stehen sich aber zwei Menschen gegenüber. Die neben ihren ganz persönlichen Eigenheiten und Charakterzügen auch noch eines gemeinsam haben, ganz besonders, wenn die Anziehung so stark und überwältigend ist, wie es nunmal passiert, in der Liebe. Beide bekommen Angst.

Ein Mensch, der Angst hat, ist nicht in der Lage auch nur ansatzweise so etwas zu geben, was wie Sicherheit oder Geborgenheit aussieht. Denn er ist darauf bedacht, sich selbst vor Verletzungen zu schützen. Und schon haben wir den Salat. Zwei Menschen, die füreinander riesige Potenziale an Wachstum, Weiterentwicklung und Entfaltung sind, werden zu erbitterten Feinden. Weil sie Angst haben, voreinander.

Um dieses Dilemma ein wenig zu entschärfen, begeben wir uns in dieses Spielmuster von Nähe und Distanzierung. Einer von beiden übernimmt die Rolle des Nähesuchenden, der andere die des Flüchtenden. Die Rollen können auf Dauer festgelegt sein, oder wir machen es wie die Switcher. Wir tauschen einfach. So können wir dieses Spiel weiter spielen, bis wir umfallen.

Agieren wir immer nur in konformen Mustern
Um zu gefallen und Begehren zu erregen
Statt dem Muster der Natur zu folgen weil
Zu sehr wollen immer einsam macht

So beschwört der Dichter naiv die Sehnsucht
Und weiß doch genau das dies stets eher
Frau vergrault als bindet während er dafür
Frei und ungebunden interessanter wird

Frau die sich zu sehr an ihn hängt ist dafür
Umgekehrt uninteressant auch wenn sie
Stets zu allem bereit wunschgemäß klaglos
Vor ihm läge reizte die Verklemmte mehr

Der große Reiz des Unerreichbaren zieht sich
Durch unser ganzes Leben aber wieviele
Wunderbare Gelegenheiten verspielten wir
Weil wir jeweils in Schemen nur agierten

Liebe soll diese Schemen überwinden
Tut es aber auch nur wenn sonst alles stimmt
Mangelt es am Sex Geld oder Gefühl wird
Nichts überwunden und Liebe verliert sich

Was wir immer haben verliert Spannung
Wird zur Gewohnheit die wir anders dann
Als wertvoll uns zu definieren versuchen
Doch noch der Sehnsucht innerlich folgend

Für Momente meinen wir manchmal dann
In der Liebe Erfüllung zu finden jenseits
Aller platten Dialektik aus purer Zuneigung
Welch naive Illusion der neuronalen Netze

Vielleicht ergibt sich aber aus genau diesem Muster eine Chance.
Der Mensch, der sich vor Schmerz verzehrt, weil er die Quelle der absoluten Geborgenheit offensichtlich verloren hat, hat die Gelegenheit, seinen eigenen so tiefen Schmerz, den er sonst, im Alltag so selten bewußt spürt, obwohl er immer da ist, endlich ernst zu nehmen. Und sich auf die Suche zu machen. Nach der Quelle der absoluten Geborgenheit.

Diese Quelle existiert. Nicht beim anderen. Der andere spiegelt sie nur ganz wunderbar.
Nein, die Quelle liegt in uns selbst. Es gibt in uns diesen einen „Punkt“. Dieses Etwas, das hinter allem steht. Es gibt sicher 1.000.000.000 Namen dafür. Es gibt Menschen, die nennen es Gott. Höheres Selbst, spirituelles Selbst, was auch immer. Aber wir alle haben es. Es steht uns immer zur Verfügung. Wir sehen nur fast nie hin. Und wir stehen nicht im Kontakt damit.

Stattdessen suchen wir beim Anderen unsere ureigenste Geborgenheit. Das kann nur flatterhaft bleiben. Im schlimmsten Fall, weil einer der beiden diesen Planten früher verlässt.

Wo Geschlecht und Lust eine Rolle spielen
Braucht es Spannung die eben dialektisch
Vor uns erscheint und uns in Rollen presst
Was uns wohl jenseits dieser noch bliebe

Gäbe es eine Verbindung ohne Reiz der
Eben von Spannung im Ungewissen lebt
Oder wäre die stoische Gelassenheit eher
Eine Form des Todes als des Lebens

So eilen wir in den engen Bahnen unseres
Je Horizontes umeinander vollkommen
Geführt vom je Geschlecht dies leugnend
Weiter die Wahre suchen wollen ist illuisionär

Ob diese Illusion der wahren Liebe uns
Natürlicher ist oder das schematische Treiben
Entsprechend den Mustern der je Rollen
Weiß ich bis heute nicht laviere inmitten

Das darüber nachdenken endet schnell
Wenn das Gefühl mit dem Trieb geeint
Das Kommando übernimmt warum auch
Dies Ergründen des Wesens folgenlos bleibt

Wer alte Texte zu Lust und Liebe studiert
Bemerkt es änderte sich nicht viel
Im Laufe der Jahrtausende und auch
Die je Rollen wurden immer getauscht

Die Ehe ist der sicherste Weg die dann
Formell legitime Lust miteinander noch
Zu verlieren weil sie ja einfach dazugehört
Nur darum wird die Trennung erschwert

Frei von allen Rollen und Schemen noch
Lieben zu wollen ist ein hehres Ideal
Dem unsere Natur in der Praxis stets
Widerspricht und so hangeln wir weiter

Um so lauter wir die reine Liebe einander
Schwören desto sicherer fallen wir dann
In umgekehrte Muster denen zu folgen
Uns nur der formale Zwang einfach hindert

Sich reinen Geistes von allen Schemen
Für die wahre Liebe trennen zu wollen
Endet als hehres Ideal spätestens in der
Horizontalen wo ohne Reiz nichts bleibt

Ob die Geschlechter noch die gleiche
Sehnsucht teilen oder zeitgemäß nur
Die Rollen schematisch tauschen ist mir
Noch unklar aber immer überraschend

Während uns Genderrollen allerorten
Beschäftigen finden wir uns zugleich
Eher zufällig in der jeweiligen mit den
Dann bekannten Folgen des Chaos

Der romantische Mann leidet so sehr
Wie die romantische Frau an der nur
Sehnsüchtig erhofften Liebe wie beide
Umgekehrt nur Vergnügen genießen

Suche meinem Wesen nach Erfüllung
Im geteilten Gefühl und Sex ist mir
Natürlich am schönsten voller Liebe
Bis auf die in aller Regel Ausnahmen

Wenn wir, statt so ‚plump‘ mit Nähe und Distanz zu spielen, wie wir es zur Zeit noch tun, lernen zu akzeptieren, dass die innigste Verbindung immer nur die zu uns, zu unserem innersten Kern sein kann. Und nur dort all die drängenden und tiefen Bedürfnisse nach immerwährender Nähe, nach bedingungsloser Akzeptanz, nach totalem Verständnis und nach heldenhaftem Einstehen für uns erfüllt werden können.

Dann haben wir eine Chance darauf, einander zu lieben.

Ficke die Frau deiner Träume so
So hart als gäbe es nur dies eine mal
Vergiss nie ihr das Gefühl zu geben sie
Sei beschützt sicher geliebt und begehrt

Was soll ich sagen?
Ja. Tu das. Und das gelingt Dir, wenn Du in Kontakt zu Deinem innersten höchst lebendigen Kern stehst. Und spürst, dass er es ist, der Dir all die Kraft und Stärke und Liebe gibt, die Du dazu brauchst, Deiner Geliebten genau das zu geben.

Aber lass sie nie ganz sicher sein
Halte ein wenig Unsicherheit offen
Lebe mit der ungewissen Spannung
Als sei sie deine nur Natur

Dann wirst du in der Geschlechterliebe
Am dauerhaftesten glücklich sein ohne
Eine Erwartung zu erfüllen voll Spannung
Die Bedingung anhaltender Lust ist

Warum wir es uns nicht einfacher machen
Uns sagen können wie es gut ist um dann
Dies Glück geteilt auf Dauer zu genießen
Bleibt so unklar wie die Gründe der Liebe

Mehr als glücklich mit dem zu sein was wir
Irgendwie miteinander leben wird uns nie
Gelingen dies wenige aber ausgiebig
Zu genießen sollte für ein Leben genügen
© jens tuengerthal 11.09.15

Nie ganz sicher.
Ja, im Sinne von, nie soll das Gegenüber das Gefühl bekommen, gebraucht zu werden. Gebraucht zu werden heißt nämlich im Ende nur eines: Benutzt zu werden, für die Befriedigung der tiefsten Bedürfnisse, die man sich nur selbst erfüllen kann. Jeder Andere, der spürt, dass er diesen Zweck bei uns erfüllen soll, kann nur mit uns in eine Symbiose schlittern, die zwei hoffnungsvolle menschliche Wesen in Zombies verwandelt, oder die Lieferung des begehrten Gutes verweigern.

Nie ganz sicher.
Ja. Auch im Sinne von die einzigen sein.
Weder liebevolle noch sinnliche Empfindungen können sich für immer und ewig nur auf einen einzigen Menschen beziehen. Jeder Mensch löst in uns etwas aus. Viele vielleicht nicht viel, aber ein paar doch schönes und wertvolles.
Wie kann ich einen Anderen lieben, und ihm verwehren, zu erleben und zu erfahren, dass ihm auch andere menschliche Wesen Schönes schenken können.

Genießen.
Ja.

Schauen wir uns denjenigen an, der in uns schlummert. Hinter allen Fassaden, hinter allen Ablenkungen, Gedanken und Ideen. Erkennen wir dieses nicht Benennbare als die Quelle dessen, was wir so schmerzlich vermissen. Die absolute Geborgenheit.
Lieben wir uns selbst. Bedingungslos und absolut.

Und dann wenden wir uns mit einem glücklichen Lächeln nach Außen. Zu unseren Gegenübern. Zu den wichtigen, denen, die uns in den Wahnsinn treiben, die die dunkelsten Dämonen in uns hervorholen. Zu den ganz zentralen, den unendlich angenehmen, denen, die etwas mit uns teilen.

Und lieben sie. Das fühlt sich dann schon ziemlich absolut an.

Aber machen wir uns nichts vor. Bei denen, die unsere Dämonen wecken, ist es eine Heldenreise. Wird es immer bleiben.