Selbstbestimmung oder Fremdbestimmt…?


Selbstbestimmt oder Fremdbestimmt?

Mir geht schon seit längerer Zeit so einiges durch den Kopf, was ich gerne loswerden möchte. Vielleicht schaffe ich es heute, alles so zusammen zu bringen, dass es …Sinn macht?

Resumée?
Immer, wenn ich in einer Phase stecke, in der ich bodenständig bin, auf mich konzentriert und unabhängig vom Urteil anderer, komme ich zu dem Schluß, dass Freiheit das oberste Gut ist, für mich. Denn aus einem echten Gefühl der Freiheit heraus habe ich sehr viel mehr zu geben, als wenn ich mich darum sorge, was andere wohl von mir denken mögen.

Die Selbstbestimmtheit gibt mir die Fähigkeit, meine Umwelt zu beeinflussen, Kraft zu geben, Unterstützung, Annahme, Hingabe, Freundlichkeit. Bin ich von fremden Wünschen bestimmt, funktioniert das nicht – so gut.

Meine These ist:
Will ich die Prostitution in ihrer schönsten Ausprägung (er)leben, also für beide Seiten beglückend und befriedigend – und ich spreche hier nicht vom Orgasmus – und insgesamt unterstützen, denke ich, kann ich das am besten, in dem ich im alltäglichen Umgang mit anderen folgendes beherzige:

Dem Menschen, der mir begegnet, zwei Dinge zu schenken: Seine Freiheit und gleichzeitig die wohlwollende und vorurteilsfreie Annahme seiner Person, so wie sie ist.

Die Langfassung

Ich bin ein Phasenmensch.
Es gibt Phasen, in denen ich sehr bodenständig, (kon)zentriert und gern für mich allein bin. Die Gegenphase dazu ist eine gewisse Flatterhaftigkeit, das Bedürfnis nach Anerkennung von außen und das Bedürfnis nach Kontakt mit Menschen.

Ich denke, wir alle bewegen uns in einem Kontinuum zwischen dem Wunsch und der Fähigkeit allein zu sein, alleine da zu stehen, was ich mal mit „Freiheit“ bezeichne – sozusagen als Idealtypus auf der einen Seite – und dem Wunsch nach Geborgenheit, Anschluß und dem Gefühl angenommen zu sein, als idealtypischer Gegenpol.

In unserer Gesellschaft scheinen Annahme, Geborgenheit und der Anschluß an andere Menschen, sei es eine einzelne Person oder eine Gruppe, eng daran geknüpft zu sein, die persönliche Freiheit mehr oder weniger stark aufgeben zu müssen. Denn um eine Bindung aufrecht zu erhalten, „muß ich“ gefallen. Dem oder den Anderen.

Wie gefalle ich dem Anderen?
Ist das nicht eine Frage, die uns Menschen immer wieder, tagtäglich – mehr oder minder bewusst – beschäftigt, und der wir sehr viel unserer Persönlichkeit, unserer Freiheit unterordnen?

Als Prostituierte beschäftigt mich diese Frage auf zwei Ebenen:

  • (Wie) gefalle ich meinem Gentleman?
  • (Wie) gefalle ich der Gesellschaft

 

Was ist richtig?
Habe ich dem Kundenwunsch zu entsprechen? Steht sein Wunsch über meinen Bedürfnissen? (Wie weit) muß ich dienstbeflissen sein, als Sexdienstleisterin?
Oder darf ich mich als Mensch zeigen? Darf ich in Anspruch nehmen, dass mein Gentleman, der bereit ist durchaus hohe Summen dafür zu bezahlen, dass er Zeit mit mir verbringt, mich an erster Stelle mal als Mensch, als Frau wahrnimmt und mir das zeigt? Oder hat dieser „Kunde“ mit der Inaussichtstellung eines Geldbetrages das Recht, ohne höfliche und/oder freundliche Ansprache, ohne Rücksicht auf meine persönlichen Befindlichkeiten und Umstände von mir meine Dienstleistung oder die, die er sich vorstellt, einzufordern?

Das Recht hat er natürlich, wie jeder Mensch das Recht hat, zu tun, was ihm richtig erscheint. Ich nehme mir gleichzeitig das Recht heraus, einen Gentleman, der in der Kontaktaufnahme meinem Empfinden nach übermäßig stark auf seine Wünsche konzentriert ist (um das mal diplomatisch auszudrücken), abzulehnen, weil er mir dadurch den Eindruck vermittelt, dass so die absolut grundlegende Basis fehlt, ein Geschäft dieser höchstpersönlichen Art mit mir abzuschließen.

Nämlich die Menschlichkeit. Die Achtung und der Respekt vor dem Gegenüber.

Ich achte also an erster Stelle auf mich, darauf, dass ich Begegnungen mit Menschen eingehe, die auch das Bedürfnis und die Lust haben, einem Menschen zu begegnen. Und das auf sehr intime, ehrliche und zugewandte Weise, liebevoll im besten, reinsten Sinne.
Und dann kann ich völlig frei und ungezwungen alles geben, was ich habe. Jede Freude, jeden Humor, jede liebevolle Geste, jede Abenteuerlust, die in mir steckt. Und dann – so ist es doch meistens – sind zwei Menschen glücklich.

Die Prostitution ist eine Branche, in der diese Frage viel stärker im Fokus steht und stehen sollte, als in anderen Branchen. Denn nichts intimeres könnte irgendwo sonst getauscht werden. Und ich denke auch, dass nirgends die Missachtung der eigenen Grenzen so prekäre Auswirkungen hat, wie hier. Eine Frau, die diesen Job gegen ihre eigenen Grenzen ausübt, wird im Burnout enden. Da bin ich mir sicher.

Die Frage nach Unterordnung gilt aber eben nicht nur in kleinen sozialen Verbünden, wie Ehe, Freundschaften, Beziehungen aller Art. Sehen wir uns zum Beispiel die Debatte um die Gesetzesnovellierung zur Prostitution an:

Wem ordne ich mich unter?
Dem Staat, der mir auferlegt, mich zu registrieren? Oder der Gesellschaft die „mir droht“ mich auszugrenzen, wenn sie (dadurch) erfährt, was ich tue?

Die Debatte (nicht die politische) um die Notwendigkeit, Prostituierte zu unterstützen, klingt oft ratlos, von gutem Willen getragen, aber auch durch jede Menge kultureller Überlieferungen, die uns allen ja erst einmal in Mark und Bein übergehen, denn das ist ja unser Zuhause, unser (vermeintlicher) Ort der Geborgenheit, verzerrt. Und das halte ich für sehr problematisch.

Denn bevor wir jemand anderem in irgend einer Weise behilflich sein können, müssen wir doch erst einmal wissen, was diese Person eigentlich will.

  • Will sie Geld verdienen? Ein universelles, weder gutes noch böses Tauschmittel, um selbstbestimmt(er) leben zu können?
  • Will sie frei, selbstbestimmt leben können, ohne dabei ausgegrenzt zu werden?
  • Will sie menschlich behandelt werden?

Egal welcher Mensch sich gerade in welcher Situation befindet. Ihn als Mensch wahrzunehmen und zu achten ist in meinen Augen das erste, was wir dem anderen geben können. Selbst wenn wir nichts weiteres dazu beitragen können, ihn zu unterstützen.

Da sein, zuhören, mitdenken, sich in ihn hineinversetzen. Das hilft, auch wenn es ersteinmal nicht so wirkt. Das ist nämlich die Urform von Empowerment, der „Kunst“ andere Menschen darin zu unterstützen, selbst und eigenbestimmt Dinge zu tun, ihr Leben zu leben, unter welchen Bedingungen auch immer.

Dazu gehört, ihm zuzuhören und ihm zu glauben, wenn er/sie sagt: „Ich möchte dies. Ich möchte das. Ich lebe mein Leben so, und brauche dafür folgendes…“

Und die Körper.
Ich denke, abgesehen von dem körperlichen Vergnügen, Orgasmen, Erregung, was alles dazu gehört, ist diese Kombination von Freiheit und Geborgenheit der eigentliche Wesenskern, der Prostitution in all ihren Ausprägungen so spannend macht.

Denn Sex ist elementarer Ausdruck von beidem.

Und ich kenne keinen anderen Berufszweig, in dem es so ehrlich zugeht, zugehen kann, natürlich. Nicht jede(r) geht fair mit den Attraktionen um, die er/sie zu bieten hat.

Aber nehmen wir auch hier mal einen Idealtypus: Ehrliche, aufrichtige Dienstleistung im Paysex.

Die meiner Ansicht nach überhaupt nicht so selten ist, wie das an der einen oder anderen Stelle angenommen wird. Ich kenne auf jeden Fall einige Frauen (und ich bin ja noch ein „Greenhorn“ und noch nicht so riesig vernetzt), die diesen Job mit sehr viel Freude, Hingabe und sehr viel Verantwortungsgefühl ausüben, ob nun als Escort, Callgirl, Domina oder Modell eines Etablissements.

Das ist Kennenlernen auf einer ganz anderen Ebene. Zwei nackte Menschen, einfach nur die schönste Kommunikationsform der Welt. Losgelöst, frei und geborgen. Einfach nur für einen Moment. Und danach darf jeder wieder seiner Wege gehen… Bis zum nächsten Mal.

Deshalb liebe ich, was ich tue. Ich begegne Menschen, losgelöst, frei und geborgen.


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